„Warum darf ein Körper nicht einfach ein Körper sein?“
Welche psychischen Herausforderungen bringen Lipödem und Lymphödem mit sich? Darüber haben wir mit Heilpraktikerin Eva Hilbich gesprochen. In ihrer Praxis begleitet sie Menschen mit Lipödem und Lymphödem körperlich wie mental. Als selbst Betroffene weiß sie aus eigener Erfahrung, wie sehr die Krankheitsbilder der Psyche zusetzen können.
Im Interview teilt sie ihre Perspektive auf mentale Belastung, Selbstakzeptanz und Wege zu mehr Selbstwirksamkeit im Alltag.
Mehr Informationen zu Eva und ihrer Praxis gibt es auf ihrer Website oder auf Instagram.
Liebe Eva, ein großes Thema bei dir ist, wie sich Lipödem und Lymphödem auf die Psyche auswirken. Wie erlebst du das konkret in deiner Praxis?
Eva: Hey, danke fürs Einladen! Ich freue mich total, dass wir darüber sprechen. In meiner Praxis erlebe ich sehr häufig, dass Lipödem und Lymphödem eine enorme psychische Belastung mit sich bringen. Da geht es viel um Themen wie Essstörungen, ein geringes Selbstwertgefühl oder eine verzerrte Körperwahrnehmung. Man muss dabei aber ein bisschen differenzieren. Lipödem und Lymphödem sind nicht dasselbe. Ein sekundäres Lymphödem, z.B. nach einer Brustkrebserkrankung, und ein Lipödem bringen jeweils ganz unterschiedliche Erfahrungen und psychische Belastungen mit sich. Was jedoch für beide gilt: Sie können die Psyche massiv beeinflussen – gerade beim Körperbild. Beine oder Arme weichen oft stark vom gängigen Schönheitsideal ab oder wirken für viele Betroffene fremd oder „nicht richtig“. Das macht wahnsinnig viel mit dem eigenen Selbstbild. Dazu kommt der gesellschaftliche Druck und oft eine lange Geschichte aus erfolglosen Diäten und Selbstvorwürfen.
Wenn wir über psychische Belastung sprechen: Bleibt das für dich eher auf der mentalen Ebene oder beobachtest du auch ganz direkte Auswirkungen auf den Körper?
Eva: Psychische Belastung ist kein reines Kopf‑Thema. Die Psyche wirkt sich auch ganz direkt auf den Körper aus, vor allem auf das Schmerzempfinden. Wenn es mir psychisch schlecht geht, nehme ich Schmerzen stärker wahr. Das ist wissenschaftlich gut belegt. Viele geraten dabei in einen Schmerzteufelskreis: Man macht eine Erfahrung von Schmerz, das Gehirn wird sensibler und schlägt immer früher Alarm. Man spricht hier auch von Psychosomatik.
Was kann helfen, aus diesem Schmerzteufelskreis wieder herauszukommen?
Eva: Ein wichtiger erster Schritt ist, die eigenen Gedanken überhaupt wahrzunehmen. Nicht sie sofort zu bewerten oder wegzudrücken, sondern erst einmal festzustellen: Okay, da ist gerade ein negativer Gedanke. Das löst diesen Kreislauf nicht sofort auf. Aber es nimmt Druck raus und schafft ein bisschen Abstand.
Manchmal kann auch die Diagnose eine große Entlastung sein, weil sie Betroffenen endlich eine Erklärung liefert für all das, was sie vielleicht jahrelang erlebt haben – die Schmerzen, die Frustration, das Gefühl, ständig zu scheitern. Gleichzeitig kann eine Diagnose aber auch belasten mit der Erkenntnis, dass es sich um eine chronische Erkrankung handelt, die nicht einfach wieder verschwindet. Entlastung und Überforderung können dabei gleichzeitig da sein – und das ist völlig normal.
Sprechen deine Patientinnen und Patienten bei dir offen über das, was sie emotional belastet?
Eva: Es ist tatsächlich oft so, dass viele bei mir relativ offen darüber reden. Ich glaube, das liegt vor allem daran, dass sie wissen, dass ich selbst betroffen bin. Ich sitze ihnen ja gegenüber und trage meine Kompression ganz selbstverständlich. Das senkt die Hemmschwelle enorm. Trotzdem können nicht alle sofort alles benennen. Manche spüren nur, dass sich etwas nicht gut anfühlt. Dann ist es meine Aufgabe, nachzufragen. Oft tauchen Aussagen auf wie: Mein Körper ist hässlich oder Ich bin zu schwach. Dieses gemeinsame Hinterfragen ist sehr wichtig. Viele merken dabei zum ersten Mal, dass solche Gedanken nicht unbedingt ihre eigene Überzeugung sind, sondern erlernte Prägungen. Allein diese Erkenntnis kann schon sehr entlastend sein.
Mir ist dabei wichtig: Es geht nicht darum, den Körper sofort positiv zu sehen. Für mich hat es auch nicht mit Selbstliebe angefangen, sondern mit radikaler Selbstakzeptanz. Das kann ganz banal sein: die eigenen Beine anschauen und denken okay, so sehen sie aus – ohne Bewertung. Diese Neutralität ist oft viel realistischer als sofortige Körperliebe. Gerade weil Bewegungen wie Body Positivity auch Druck machen können.
"Warum müssen wir eigentlich ständig alles bewerten? Warum darf ein Körper nicht einfach ein Körper sein?"
Viele Betroffene schwanken zwischen Akzeptanz und innerem Widerstand. Auf der einen Seite das Annehmen des Ödems – auf der anderen Seite die Wut auf die Erkrankung und der Wunsch, sich dagegen zu stemmen. Schließen sich diese Ansätze aus?
Eva: Nein, das finde ich nicht. Für mich persönlich funktioniert der Kampf gegen meinen Körper nicht mehr. Ich habe das jahrelang gemacht, und das hat mich eher in Abwertung und Selbstsabotage geführt. Gleichzeitig kann Wut ein enormer Antrieb sein. Manche nutzen genau diese Energie, um aktiv etwas zu verändern und ins Handeln zu kommen. Am Ende sind beide Wege möglich. Wichtig ist nicht der Ansatz, sondern dass er der Person hilft und nicht weiter schadet.
Gab es für dich persönlich einen Rat, den du vor ein paar Jahren bekommen hast, bei dem du heute sagen würdest: Wenn ich den ignoriert hätte, wäre mir einiges erspart geblieben?
Eva: Ja, dieses klassische „Nehmen Sie doch einfach ab, dann wird alles besser“ habe ich mein ganzes Leben lang gehört. Dieser Rat war keine Lösung, sondern hat vor allem Druck gemacht. Ein weiterer Punkt, den ich im Nachhinein kritisch sehe, betrifft die Kompression. Mir war von Anfang an klar, wie wichtig sie ist, aber ich habe für mich daraus gemacht, dass ich sie sofort mögen muss. Das hat überhaupt nicht funktioniert. Ich habe mir dadurch selbst sehr viel Stress gemacht. Heute würde ich sagen: Es ist völlig normal, dass man Zeit braucht, um sich daran zu gewöhnen. Da hätte ich liebevoller mit mir sein dürfen.
Würdest du heute sagen, dass Kompression ein Gefühl von Sicherheit oder Kontrolle geben kann – ihr damit vielleicht auch eine emotionale Bedeutung zukommt?
Eva: Auf jeden Fall. Die Kompression ist ein ganz wichtiger Baustein im Selbstmanagement. Wenn sie dir hilft, Schmerzen zu reduzieren oder Wassereinlagerungen zu verringern, wirkt sich das auch mental positiv aus. Das Gefühl, aktiv etwas tun zu können, macht viel aus. Gleichzeitig darf man nicht unterschätzen, dass Kompression eine Herausforderung bleibt. Vor allem das Tragen von Armkompression fällt vielen besonders schwer. Ein Grund ist die Sichtbarkeit: Strümpfe an den Beinen sind gesellschaftlich viel vertrauter und fallen weniger auf. Armkompression ist dagegen sofort sichtbar und macht das Thema „Erkrankung“ sehr präsent.
Was kann Betroffenen helfen, Kompression im Alltag anzunehmen und langfristig dranzubleiben?
Eva: Ein wichtiger Punkt ist, sich selbst nicht zu großen Druck zu machen. Kompression ist wirksam und ein zentraler Baustein der Therapie, aber der Umgang damit darf wachsen. Vielen hilft es, sie nicht nur als medizinisches Hilfsmittel zu sehen, sondern etwas Persönlichkeit reinzubringen, zum Beispiel über Farben oder Outfit‑Kombinationen. Sehr wichtig ist, sich zu erlauben, Schritt für Schritt vorzugehen. Niemand muss von heute auf morgen den ganzen Tag Kompression tragen. Eine Stunde ist ein Anfang, zwei Stunden auch. So habe ich es selbst gemacht und gemerkt, dass sich die Tragezeit ganz natürlich steigern kann. Ich sage immer: Kleine Schritte können einen riesigen Effekt haben.
Gibt es darüber hinaus noch weitere Strategien oder Routinen, die helfen können, mit der Erkrankung im Alltag besser umzugehen?
Eva: Was mir persönlich sehr hilft, ist, den Tag bewusst mit mir selbst zu beginnen. Gerade weil der Morgen oft direkt mit dem Anziehen der Kompression startet, nehme ich mir morgens erst einmal Zeit für mich. Ich mache zum Beispiel eine kurze Yoga‑Einheit. Für mich macht es einen großen Unterschied, den Tag nicht mit Pflichten zu beginnen, sondern erst einmal im eigenen Körper anzukommen. Ich habe irgendwann gemerkt: Wenn ich den ganzen Tag Kompression trage, sehe ich meine Beine oder auch meine Füße kaum noch. Durch diese bewusste Zeit am Morgen sehe ich meinen Körper, spüre ihn, nehme ihn wahr – und das hat mir emotional sehr geholfen.
Grundsätzlich finde ich es wichtig, sich kleine Anker im Alltag zu schaffen. Für mich sind das Yoga, Meditation, Achtsamkeit und Dankbarkeit. Ich frage mich zum Beispiel: Wofür war ich heute dankbar? oder Was habe ich heute gut gemacht? Das kann ganz konkret sein – zum Beispiel: Ich bin stolz auf mich, weil ich meine Kompression heute 16 Stunden getragen habe. Oder: Ich habe heute meine Beine eingecremt, war in Bewegung, vielleicht bei der Lymphdrainage. Gerade an schwierigen Tagen hilft es, diesen Fokus bewusst zu setzen.
"Wichtig ist mir dabei auch der Gedanke, dass wir mehr sind als nur unsere Erkrankung. Sie ist ein Teil unseres Lebens, aber nicht alles. Das sollte man sich immer wieder bewusst machen – gerade dann, wenn man das Gefühl hat, immer noch mehr leisten zu müssen."
Welche Rolle können Selbsthilfegruppen aus deiner Sicht im Umgang mit der Erkrankung spielen?
Eva: Eine sehr wichtige, abhängig vom eigenen Typ. Nicht jede Person fühlt sich in Gruppen wohl, aber es gibt heute ganz unterschiedliche Formate, auch online oder für bestimmte Altersgruppen. Das senkt für viele die Hemmschwelle. Meine Erfahrung ist, dass Selbsthilfegruppen vor allem eines geben: Verständnis. Nicht jeder hat im Umfeld Menschen, die selbst betroffen sind. Manche Dinge können wirklich nur Menschen nachvollziehen, die Ähnliches erleben. Gleichzeitig können Selbsthilfegruppen einen sehr empowernden Effekt haben. Man kann von den Erfahrungen anderer profitieren und sich ganz konkret unterstützen, zum Beispiel bei der Orientierung im Versorgungssystem oder bei der Suche nach passenden Anlaufstellen. Man merkt, dass viele ähnliche Themen haben, aber jede Person ihren eigenen Weg findet. Diese Gemeinschaft stärkt.
Gab es für dich Momente, in denen du gemerkt hast: Genau deshalb mache ich diese Arbeit?
Eva: Ja, die gibt es immer wieder. Erst vor ein paar Wochen hatte ich so einen Moment in meiner Praxis. Eine Patientin kam von weiter weg zu mir, mit Lipödem und noch einigen anderen Anliegen. Wir haben lange gesprochen und vieles sortiert. Am nächsten Tag hat sie mir eine Mail geschrieben, dass sie direkt angefangen hat, erste Dinge umzusetzen. Ich saß dann wirklich da und dachte: Wow, wie cool! Solche Momente berühren mich jedes Mal – wenn man merkt, dass ein Gespräch etwas in Bewegung bringt. Ähnlich ist es in meiner Selbsthilfegruppe. Da gibt es Teilnehmerinnen, die anfangs völlig überfordert sind oder die Kompression richtig ablehnen. Und Monate später erzählen sie von ihrem Aha‑Moment, davon, dass sie ihren eigenen Umgang gefunden haben. Das motiviert auch mich total.
Welche drei Emojis beschreiben die emotionale Reise mit Lipödem und Lymphödem aus deiner Sicht am treffendsten?
Eva: Da kommt mir zuerst das verbundene Herz in den Kopf, das Herz mit Verband drum herum. ❤️🩹 Das finde ich sehr passend, weil es zeigt: Da ist etwas verletzt, aber auch etwas, das heilen kann. Und es erinnert natürlich an Kompression.
Gleichzeitig denke ich an etwas Explosives, wie eine Bombe oder Feuer. 💣🔥 Weil diese Diagnose erst mal alles durcheinanderwirbelt. Du musst plötzlich ganz viel neu lernen, über deinen Körper, über dich selbst.
Und dann würde ich noch den Schmetterling wählen. 🦋 Weil er für mich für Transformation steht. Für Veränderung und persönliches Wachstum. Ich will das ganz klar sagen: Niemand sollte krank werden müssen, um sich weiterzuentwickeln. Aber es ist eben oft so, dass Krisen auch Entwicklung anstoßen können.
Zum Abschluss: Was stimmt dich hoffnungsvoll, wenn du an die Zukunft der Lipödem‑ und Lymphödem‑Behandlung denkst?
Eva: Was mich grundsätzlich sehr freut, ist, dass die Sichtbarkeit dieser Erkrankungen deutlich zugenommen hat. Gerade über Lipödem wird heute viel mehr gesprochen als noch vor einigen Jahren. Dadurch kommen wir langsam weg von dem „Das ist doch nur Adipositas“-Stigma. Gleichzeitig bewegt sich endlich mehr in der Forschung. Auch wenn wir noch viel in der Grundlagenforschung sind, wird immer deutlicher, wie komplex Lipödem ist – mit Zusammenhängen zu Hormonen, Entzündungsprozessen, Histamin oder dem Darm. Dass diese Vielschichtigkeit zunehmend verstanden und erforscht wird, macht mir Hoffnung. Ebenso hat sich die Behandlung in den letzten Jahren weiterentwickelt: Kompression ist weiterhin die Grundlage, zugleich haben sich mit der Zeit weitere Behandlungsansätze wie die Liposuktion oder begleitende Ernährungstherapie stärker etabliert. All das zeigt, dass sich etwas bewegt, und das macht Mut. Trotzdem muss man ehrlich sagen: Es gibt noch viel zu tun.
Vielen Dank, Eva, für deine Offenheit und diese tiefen Einblicke.
Eva: Sehr gerne!